Fluss des Lebens

Es ist faszinierend, wie sehr die Stagnation einen doch in Beschlag nehmen kann. Man trudelt von Tag zu Tag, wird hinein gerissen in den flutenden Strom der allgemeinen Erwartungen. Und man fügt sich und schwimmt mit, weil es so anstrengend ist, dagegen anzugehen. Dabei stehen wir eigentlich, angewurzelt, weil wir doch nicht vorankommen.

Festgefahren.
Stillstand.
Stagnation.

Vorbei die Zeiten, in denen dir Mama weiß machen kann, dass du alles werden kannst, was du willst. Denn die Träume, die hängen dort oben. Viel zu weit, viel zu verfremdet, um sie überhaupt greifbar zu machen. Hast du das Geld dafür? Hast du die Menschen, die dir helfen können? Dann tut es mir Leid mein Kind, du musst weiter schwimmen im Strom der Gesellschaft. Find einen Job, verdiene dein Geld und überlebe in diesem reissenden Fluss.

Es rast an uns vorbei, das Leben. Wir stehen an Ort und Stelle und haben doch das Gefühl, mitgerissen zu werden. Um uns herum Menschen, bei denen es so viel einfacher scheint, die so viel mehr haben als wir. Man steht am Uferrand und kann doch nicht entkommen, weil man lieber im Zentrum des Flusses wäre. Notausgang nicht vorhanden. Es gibt kein Zurück.

Wir schwimmen nicht zurück.
Wir klettern auch nicht heraus.

Es ist, wie es ist. Weil es einfach nicht geht. Wie willst du weiter kommen, rauskommen aus jenen Erwartungen? Wo ist dein Boot, mit dem du imstande wärest, endlich aufs Meer zu fahren?

Kein Geld? Keine Zukunft? Tja, dann hast du Pech gehabt…

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Ameisenhaufen

Manchmal… da fühle ich mich wie eine Ameise. Ich folge immer dem Strom, passe mich der Richtung an, in der sich der Schwarm bewegt. Gegen den Strom zu schwimmen scheint so schwer, so falsch zu sein. Du kannst stehen bleiben und wirst nicht umgerannt, aber zugleich zieht der innere Zwang dich weiter in die Richtung der Strebsamkeit. Was würde es bringen, sich zu verweigern? Ein einzelnes Tier, das stehen bleibt, sich überfahren lässt vom Strom der Gesellschaft, fällt selten auf.

Auffallen.
Der Schrei der Ungerechtigkeit, des Widerwillens, der Rebellion. Ein Ruf, der nicht passt, ein Störmoment im System. Auffallen… wollen wir das noch? Sind wir nicht lieber einer von vielen, ein namenloses Tier, das sich aus den Bussen und Bahnen schält? Schlagen wir nicht viel zu oft den Kragen des dunklen Mantels hinauf, ziehen die Schultern ein und versinken im Meer der Vielgesichter?

Auffallen… was ist das?

Ein Schrei, der verhallt. Ungehört. Ungewollt. Ungewiss…
Machtlos gemacht, ignoriert, überhört worden.
Wir dienen der Königin, wir nähren den Staat. Wer stehen bleibt, muss sterben, wird selbst verfüttert an die frischen Larven unserer Gemeinschaft. Und so strömen wir weiter, aus Bussen und Bahnen, ziehen unsere Kragen hinauf und vergessen die Gesichter neben uns.

Manchmal… da wäre ich lieber ein Specht und würde die Welt zusammenklopfen.

Und doch… bin ich nur eine Ameise.

2018

Und schon wieder jagt uns die Zeit und treibt uns in ein neues Jahr. Schleudert gehässig den Umstand in dein Gesicht, dass du nicht jüger wirst. Und dann fragt sie dich, was dir das bringt und was es sein wird, wenn du dich ändern willst. Ist es nicht besser, dem inneren Treiben einfach nachzugeben und nicht zu sein, was man will? Besser werden, dünner sein, kreativer sich entfalten… ja, wer glaubts denn noch?

Und doch hält man sich fest, an alten Traditionen und Ritualistiken.
Wir suchen einen Sinn in alten Phrasen, während wir aufs Tablet schauen und danach googlen, wie damals orakelt wurde. Absurderweise geben uns die alten Dinge Halt und Vertrauen. Sind es nicht auch unsere Eltern und Großeltern, denen wir stets vertrauten und von denen wir jede Wahrheit als bare Münze nahmen? Osterhase, Weihnachtsmann… sie existierten für eine ganze Weile und es war gut so.
Doch die Welt hält nicht an, sie dreht und dreht sich weiter und fordert ihren Zoll. Nicht anhalten, nicht stagnieren, immer weiter und weiter, den Weg voran. Was bringt dir die Nostalgie, wenn die Zukunft so zum Greifen nah ist?

Höher, weiter, schneller. Man bleibt auf der Strecke und wundert sich, warum die anderen an einem vorbeiziehen. Der Wunsch bleibt ein Wunsch. Die Zeit lacht dir ins Gesicht. Du wirst nicht jünger Mensch, ich zieh dir die Farbe aus dem Gesicht und mach ich grau und alt.

Werde ich zum grauen Mann?

Träume? Man wird sie ja noch träumen dürfen. Die Gedanken sind frei, der Wille aber nicht. Wir fügen uns in die traurige Realität und halten das Träumen klein. Zu groß ist nicht angebracht, ist verpönt. Und so werden sie kleiner und kleiner… Osterhase und Weihnachtsmann schwinden und werden zu einem neuen Gebrauchtwagen.

Man wird ja noch träumen dürfen.

 

 

Siehst du es?

Beieinander sitzen.
Stur geradeaus der Blick.

Kannst du mich hören? Hörst du mein Klagen und Bitten? Nur um einen Blick, um einen kleinen Moment der Aufmerksamkeit? – Eine winzige Bewegung und es wäre alles erzählt, alles getan. Dreh deinen Kopf, sieh mich einmal an.
Doch du hörst nicht. Du siehst nicht. Du blickst gradeaus, stur und starr in eine andere Welt. Erblickst nichts und niemanden, nicht einmal dich selbst. Gefangen im System, gefangen im Gehorsam einer Macht, die uns alle umgibt.

Beieinander sitzen.
Sehen und doch nicht sehen.
Stumm und starr.

Kannst du mich sehen? Wie ich um ein Lächeln hoffe? Auf eine bessere Welt warte und doch genau weiß, sie wird nicht kommen. Blind wanderst du umher, geblendet von dem schillernden Bildschirmen, die uns umgeben. Betäubt von dem Drang des Vergessens und dem Sehnen nach Ablenkung. Du bist nicht hier, kannst nicht sehen, kannst mich nicht hören. Ich kann rufen und schreien, kann deine Hände nehmen und dich ziehen und zerren: Du hörst nicht, du fühlst nicht, du spürst nicht, wie es um dich steht.

Weit voneinander stehen.
Blind und taub.
Stumm und starr.

Es flackert und scheint, schimmert und glänzt. Ein einziger Blick und du bist verloren. Der Fluch ist gesprochen, dein Geist gebannt. Du gehörst dem System, gehörst nicht mehr dir selbst. Gefangen im Schein der Freiheit, deren Ketten so schwer wiegen.

Kannst du mich hören? Hörst du mein Flehen? Ich wünscht‘ mir so sehr, du kehrtest zurück, mit gesprengten Ketten. Sehend. Hörend. Mit einem Lächeln auf dem Blick.

Voller Nähe.
Voller Vertrauen.
und Lebenslust.

Ein Traum, der es bleibt, so wie der Schein, der dich umgibt.

So…

Da steh ich nun, ich armer Tor… – und versuche mich im Bloggen, wie als zuvor. Eine wunderbare Versuchung, die einen in nächtlichen Diskursen überkommen kann, um sie wahrscheinlich im grauen Morgen zu bereuen und an lauen, warmen Heizungsabenden doch einmal auszuprobieren. Wir stellen uns also dem Faktum und werden sehen, welche Ergüsse sich auf dieser Seite finden werden. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin darf keine epischen Goethe-Rezensionen oder Wiederverwurstungen erwarten, doch ist vielleicht die ein oder andere Perle in den schmutzigen Seen zu entdecken.

Wir werden sehen, was die Reise bringt.